Neue Zürcher Zeitung
Das neue Russland
Von Gorbatschew zu Putin
Der Leiter des Auslandressorts der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und ehemalige Korrespondent des gleichen Blattes in Moskau, Werner Adam, hat unter dem Titel «Das neue Russland Putins Aufbruch mit schwerem Erbe» die dramatische Entwicklung zwischen dem Aufstieg von Michail Gorbatschew an die Spitze des sowjetischen Parteiapparates im April 1985 bis zur Übernahme des Kommandopostens im Kreml durch Wladimir Putin an der Jahreswende 1999/2000 nachgezeichnet. Das journalistisch konzipierte Werk verzichtet grösstenteils auf eine chronologische Aufzählung der Ereignisse und konzentriert sich über weite Strecken auf aus der Sicht des Autors wegweisende Begebenheiten und das Wirken der dahinter stehenden politischen Akteure. Mit zahlreichen Hinweisen auf Wegmarken der älteren und jüngeren Geschichte Russlands, von der Christianisierung und der Nestor-Chronik bis zu Lenins Putsch und Stalins Terror, strebt Adam danach, der Leserschaft Eigenheiten des heutigen Russland zumindest teilweise auf dem Weg über die Vergangenheit näherzubringen.
Die Vorspiele des Untergangs des Sowjetimperiums hat Adam in Moskau aus nächster Nähe beobachtend mitverfolgen können. Die ersten, auch international aufsehenerregenden Initiativen des neuen KPdSU-Generalsekretärs Gorbatschew, insbesondere die Freilassung des Friedensnobelpreisträgers und Menschenrechtskämpfers Andrei Sacharow aus der Verbannung, die Abhalfterung des jeder Reform abholden Politbüroveteranen und langjährigen Aussenministers Andrei Gromyko und die Verfassungsrevisionen vom Spätherbst 1988 bieten denn auch reichlich Anschauungsunterricht über einen an das Revolutionäre grenzenden Wandel. Die innenpolitisch wohl wichtigste Folge der gorbatschewschen Reformen der Jahre 198589 war der nicht weniger als sensationelle Ausgang der Parlamentswahl im März 1989, des ersten zumindest teilweise freien Wählerentscheids in der Sowjetunion seit 1917.
Lässt Werner Adam Gorbatschew wegen dessen Verdiensten um die Liberalisierung im Inneren und die Beendigung des Kalten Krieges Gerechtigkeit widerfahren, so mutet seine Beurteilung des ersten Präsidenten der Russischen Föderation, Boris Jelzin, in mancher Hinsicht eher schwankend an. Jelzins zentrale Leistung, die Auflösung der Sowjetunion vollzogen und damit der bereits von seinem sowjetischen Amtsvorgänger in ihrem Wirkungsgrad deutlich zurechtgestutzten Diktatur definitiv ein Ende bereitet zu haben, wird zwar am Rande anerkannt, jedoch durch eine breit angelegte Schilderung vermeintlicher oder tatsächlicher Schwächen von «Zar Boris» in den Schatten gestellt. Jelzin hatte 1985 begonnen, seinen Kampf gegen Privilegien und Diktatur offen auszutragen. Ausserdem ist er zweimal, im August 1991 und im Oktober 1993, wirkungsvoll Kräften in die Parade gefahren, deren Aktionen auf die Entfesselung eines Bürgerkrieges hinauszulaufen drohten.
Trotz diesen Einwendungen muss Adams Buch als wertvolle Gesamtschau des Übergangs vom Sowjetstaat zum mit gewissen Einschränkungen demokratischen Russland betrachtet werden. Es ist dem Autor gelungen, auf rund 200 Seiten eine beachtliche Fülle von Material zum Thema zusammenzutragen und in leserfreundlicher Form wiederzugeben.
Christoph Güdel
Kurzbeschreibung
eine kritische Analyse und fundierte Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Situation in Russland. Über jedem Staatsoberhaupt, das in Russland Reformen einführen will, "liegt ein unversöhnlicher Fluch". Das sagte einst ahnungsvoll Zar Alexander II, der 1881 einem Sprengstoffattentat zum Opfer fiel. In denkwürdiger Wiederholung der Geschichte musste das 110 Jahre später auf andere Weise auch Michail Gorbatschow erfahren. Seine reformerischen Bemühungen bewirkten einen Putschversuch, der ihn um seine Macht im Kreml brachte und den Untergang der Sowjetunion besiegelte. Boris Jelzin schließlich, der dann ebenso große Anstrengungen zum Aufbau eines neuen Russlands unternahm, bat seine Landsleute am letzten Tag des 20. Jahrhunderts um Vergebung dafür, dass es auch ihm nicht gelungen sei, die Hoffnungen jener Mitbürger zu erfüllen, "Die da glaubten, wir könnten mit einem einzigen Sprung aus unserer grauen, erstarrten, totalitären Vergangenheit in eine helle, reiche zivilisierte Zukunft gelangen". Werner Adam zeichnet im wesentlichen die historisch so brisante Zeitspanne von den Anfängen der Perestroika mit Michail Gorbatschow über den Zerfall der Sowjetunion bis hin zum demokratischen Machwechsel von Jelzin zu Putin nach. Beide Vorgänger haben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine schwere Last hinterlassen, aber auch den Weg zu Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft geebnet.
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