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Steinunn Sigurdardóttirs Roman «Herzort»
Einfach unwiderstehlich ist Harpa Eir Axelsdóttir: 31-jährig, von ganz und gar unisländischem Aussehen «winzig klein», «mondgesichtig», «kaffeebraun» , nackt unter dem grössten und rötesten Bademantel, den sie finden kann, die dunklen Haare in einen roten Turban gewickelt, nach Veilchen duftend und «schweinchenrosa Zehen» schwenkend vor Yves, einem unbekannten Franzosen, den sie zu verführen gedenkt. Harpas beste Freundin Heide hat den Wanderer aus dem Süden spontan eingeladen, im Sommerhaus ihrer Eltern Station zu machen. Es liegt an der Ostseite des Kliffs Lógmagnúpur, etwa auf halber Strecke zwischen West- und Ostisland, mit Aussicht auf Gletscherflüsse, weite Sand- und Schotterwüsten und den schneebedeckten Gipfel Vatnajökull. Die Nacht mit Yves hinterlässt bei Harpa keinerlei Gewissensbisse, bloss Muskelkater und Müdigkeit infolge Schlafmangels. Harpa hat die Gelegenheit benutzt, für einige Stunden einem beschwerlichen Alltag zu entfliehen und das Leben zu geniessen.
Harpa ist die Ich-Erzählerin und Hauptfigur in diesem schönen Roman der isländischen Autorin Steinunn Sigurdardóttir. Den äusseren Handlungsrahmen bildet eine Reise, die Harpa mit ihrer 13-jährigen Tochter Edda und der Freundin Heide unternimmt. Sie führt von Reykjavik quer durch isländische Prachtlandschaft an die Ostfjorde und dauert zwei Tage, mit Zwischenhalten bei Harpas Verwandten und einer Übernachtung im Sommerhaus von Heides Eltern. Heide fährt den weissen Pickup, der mit Harpas Hausrat vollgestopft ist, Harpa sitzt neben ihr, und Edda, das pubertierende Problemkind, kauert auf dem Rücksitz, eingeklemmt an der Tür. Grund für den Umzug von Westen nach Osten ist die schlechte Gesellschaft, in die Edda geraten ist, eine drogendealende Bande, aus der Harpa Edda zu befreien sucht. Die Bande drei harmlos aussehende Halbwüchsige fährt in einem gelben Lieferwagen hinter ihnen her.
Zur Reise in die Ostfjorde haben Harpa die guten Geister Jói, der verstorbene Freund, und Tante Dýrfinna geraten. Die Ostfjorde sind das Paradies von Harpas Kindheit, ein «Zauberland», wo mehr ausländisches Blut in den Adern der Menschen fliesst als bei anderen Isländern, «wo die Bäume hoch und gerade wachsen; Birke, Eberesche, Zitterpappel, Weissfichte, Rottanne, Zirbelkiefer und Traubenkirsche. Wo Blumen sich ausbreiten: Mädesüss, Glockenblume, isländische Heckenrose, Prachtsteinbrech. Das Traumland, wo alles wächst, sogar die Seele . . .»
Den inneren Rahmen bildet eine symbolische Reise. Die drei Frauen im weissen Pickup werden nicht nur von Westen nach Osten befördert, auch ihr Lebensgefühl wird «transportiert» und lässt sie am Ende der Reise im Einklang mit sich selbst sein. Allen voran Harpa hadert mit dem Schicksal. Mit sechzehn Jahren, gleich beim ersten Mal, ist sie schwanger geworden angeblich «aus Mitleid mit einem erregten Jungen», der ihr «hektisch ins Ohr prustete, stöhnte und weinte». Edda hat sie um alle Möglichkeiten gebracht, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, und das Geld, das Harpa als Krankenpflegerin verdient, reicht kaum für zwei. Und dann, von einem Tag auf den andern, verwandelt sich Edda von der liebevollen Tochter in eine Furie, die ihre Mutter mit Schimpfwörtern überhäuft, sich nächtelang in Reykjaviks finstersten Ecken herumtreibt, nach Schnaps riecht und ein regelrechtes «Ekelpaket» zum Freund hat. Und für Edda, dieses «Monster», diesen «Wechselbalg», hat Harpa ihre Stelle im Krankenhaus aufgegeben, die Mietwohnung gekündigt und unter Schuldgefühlen ihren Vater im Altersheim zurückgelassen.
Ausserdem ist da noch ein ganz anderer Kummer, der Harpa von Kindsbeinen an beschäftigt und den vielleicht Tante Dýrfinna in den Ostfjorden zu beseitigen vermag: Wie kann jemand mit ihrem Aussehen vo