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Thommie Bayers Modellroman
Er ist ein Modell, und er sieht gut aus, daher ist Martin, Ende Dreissig, beliebtestes Aktstudienobjekt der Hamburger Kunsthochschule. Leider unterläuft dem für stundenlanges Stillhalten besonders Begabten eines Tages ein branchenspezifisch fatales Missgeschick: Eine beiläufige Berührung der attraktiven Künstlerin Marianne löst bei Martin eine Erektion aus. Fortan jobbt er als Taxifahrer, wird allerdings durch eine private Nebentätigkeit im Atelier der Vielumschwärmten entschädigt. Unter der stillschweigenden Übereinkunft eines Verzichts auf sexuelle Erfüllung nutzt Marianne seine wachsende Erregung als Vorlage ihrer erotischen Bilder.
Thommie Bayer variiert in seinem neuen Roman das romantische Thema der prekären Beziehung zwischen Künstler und Modell, berühmt seit Balzacs Erzählung «Das unbekannte Meisterwerk» (kongenial adaptiert in Jacques Rivettes «La belle Noiseuse»). Marianne benutzt Martin lediglich als «Körper ihrer Ideen», noch ihre eigene Erregung während des Zeichenaktes, des «langsamen Tanzes», münzt sie in Inspiration um eine plakative Veranschaulichung der Freudschen Sublimierungstheorie. Martin läuft sehenden Auges in die Katastrophe, obwohl auch seine Liebe nicht Marianne, sondern nur einem Phantasiegebilde gilt: «Als schliefe nur die Frau im Spiegel mit ihm und sei die andere, vor seinen Augen, eine Fremde, die er heimlich belauschte.»
Das bittere Ende ist unvermeidlich, und Martin bricht wie seit je liebeswunde deutsche Dandies um die Vierzig nach Rom auf, wo er beschliesst, seine Erfahrung literarisch zu bewältigen. So psychologisch plausibel und jedenfalls spannend der erotische Beziehungsthriller rückblickend als «alter Film auf der Albtraumleinwand» erzählt wird, so klischeehaft ist die parallel laufende, römisch-elegische Selbstfindungsgeschichte. Schon die Voraussetzung der Reise, eine überraschende Erbschaft, die Martin aller Geldsorgen entledigt, wirkt an den Haaren herbeigezogen. Mit Hilfe eines skrupellosen Kunstagenten kauft der Neureiche alle Werke Mariannes auf, denen seine Glieder einst Pate standen. Vordergründig will er sich damit an seiner Exfrau rächen. Das eigentliche Ziel der Aktion aber ist die Rückeroberung seines an die Abbilder verlorenen Wesens. Die Zeit mit Marianne hat ihn als schlechte Kopie seiner selbst zurückgelassen. Ihre Kunst ist wahrer als «das Westentaschenformat seiner eigenen Existenz».
Dieses an sich durchaus hörenswerte Erzählsignal schickt Bayer leider durch allzu aufdringliche Effektgeräte, vor allem beim dröhnenden Crescendo des Finales. Dass der handwerklich versierte Autor weiss, was er (zuviel des Guten) tut, bedeutet allenfalls mildernde Umstände: «Das Leben schert sich nicht um Glaubwürdigkeit und nicht um Rezensionen.» Doch das Spiel mit der Künstlichkeit trübt das Lesevergnügen an einer nur halb gelungenen Modelltragödie, die gleichwohl Bayers Ruf als intelligenter Unterhaltungsschriftsteller bestätigt.
Richard Kämmerlings
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Daß man sich aus Bayers spritzigen Dialogen nicht losreißen kann, daß seine Figuren sehr genau gezeichnete Typen aus dem Alltag sind, auch wenn