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Lenins Reich in Trümmern
 
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Lenins Reich in Trümmern (Gebundene Ausgabe)

von Claus D. Kernig (Autor)
4.5 von 5 Sternen Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 428 Seiten
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt DVA (2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3421053227
  • ISBN-13: 978-3421053220
  • Größe und/oder Gewicht: 21,4 x 14,4 x 4,3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.5 von 5 Sternen Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: #432.997 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Erbe und Erben der Sowjetunion

Russlands Misere und die Unsicherheiten im Umfeld

Der Zerfall der Sowjetunion markiert das totale Scheitern des grössten und blutigsten gesellschaftspolitischen Experiments der Menschheitsgeschichte. Wie selten im Falle solcher Katastrophen scheinen sich Verantwortung und Schuld eindeutig zuweisen zu lassen: Lenin und seinen Epigonen, wie der Titel eines der hier anzuzeigenden Bücher andeutet. Schwieriger und komplizierter wird es da, wo es um die letzten zehn bis fünfzehn Jahre, um die immer wieder neuen und bis heute immer unzureichenden und scheiternden Reformversuche geht. Hier befinden wir uns, wie es kürzlich ein Rezensent ausdrückte, noch in einer Periode des «Russia bashing»: Nichts oder nur sehr wenig, was in diesem Land in den letzten Jahren unternommen wurde, gelingt; alles oder fast alles riecht nach Korruption und Ineffizienz.

Noch kaum Gründe für Hoffnung

Das sind eingängige, aber eben auch einseitige Klischeevorstellungen. Sie sind geprägt durch die negativen Erfahrungen mit der Sowjetunion und die Schwierigkeit, ein so geschichtsträchtiges Riesenreich zu verstehen, das sich in seiner Selbstkritik und Reformfähigkeit selber ungemein schwer tut. Umso mehr sind differenzierende Analysen zu begrüssen. Zu ihnen gehört das Buch mit dem bezeichnenden Titel «Lenins Reich in Trümmern». Sein Verfasser, Claus D. Kernig, war in den späten fünfziger und in den sechziger Jahren Chefredaktor der vergleichenden sechsbändigen Enzyklopädie «Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft», danach Professor an den Universitäten Freiburg und Trier. Seine Diagnose der Gründe für den Zusammenbruch der Sowjetunion ist ebenso überzeugend wie jene für das postsowjetische Russland: Es gibt angesichts der unendlich schwierigen sowjetischen Erbmasse «kaum Grund zur Hoffnung, dass die Russen in absehbarer Zeit Trost finden werden»; die Erneuerung von Recht, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ist bis heute über Anfänge kaum hinausgekommen. – Nur eben: Auch Russlands Krise hat komplexere Gründe. Seine Nöte sind zwar überdimensional gross, aber nicht naturgegeben und ewig dauernd.

Fehler am Fundament

Kernig legt die Sonde da an, wo die nachmalige Sowjetunion ihre ideologische Grundlegung und deren gewaltsame Übertragung in ein totalitäres System fand: bei Lenin. Dessen Stärke war, die oft widersprüchliche Vielfalt der Ideen zu einem politisch realisierbaren Ganzen unter dem verführerisch-falschen Titel «Diktatur des Proletariates» zusammenzufügen. Was ihm und seinen Gehilfen aber fehlte, war eine Handlungsanweisung dafür, wie man eine solche völlig neue Gesellschaft aufbaut und als Vorbild für den Rest der Menschheit funktionieren lässt. Diesen «Geburtsfehler», den Stalin mit einer jede Opposition vernichtenden Gewaltherrschaft zu überwinden versuchte, führte zu politisch ebenso kostspieligen wie wirtschaftlich absurden Ergebnissen – von den unermesslichen menschlichen Tragödien ganz abgesehen.

Die Diskrepanz zwischen dem Leistungsvermögen einer zentral gelenkten Planwirtschaft und den Bedürfnissen einer modernen Industriegesellschaft wuchs in dem Masse, in dem die technologische Entwicklung sich beschleunigte und ganz neue, überaus komplexe Anforderungen an die Führung von Staat und Gesellschaft stellte. Wenn man, wie der Verfasser eindrücklich darstellt, für das Funktionieren einer westlichen Volkswirtschaft heute mit 100 bis 200 Milliarden Planungsvorgängen pro Jahr rechnen muss, dann kann der Schluss für eine zentral gelenkte Planwirtschaft nur lauten, dass sie zu einer solchen Leistung völlig ausserstande ist. Hier liegt, trotz den sich von Chruschtschew bis Gorbatschew steigernden Reformansätzen, eine entscheidende Ursache zunächst für das völlig unzureichende Funktionieren der Sowjetwirtschaft und sodann für deren Zusammenbruch. Gorbatschew kam nicht nur zu spät, sondern erlag dem Irrtum, er könne mit marktwirtschaftlichen Elementen ein längst reformunfähiges System retten. Nicht einmal der Zusammenbruch der Sowjetunion, so Kernig, funktionierte: Sie wurde unter Jelzins aktiver Beteiligung in einer Art Verschwörung gleichsam über Nacht aufgelöst.

Kernig beschliesst seine ebenso kenntnisreiche wie kritische Analyse mit einigen Ratschlägen an Jelzins Nachfolger Putin. Sie betreffen die Beseitigung der drei wichtigsten Wurzeln des russischen Übels: die Sanierung der Exportwirtschaft mit ihren unkontrollierten Dollareinnahmen, die Stärkung der Staatsorgane in so zentralen Bereichen wie Steuer- und Rechtswesen und schliesslich die Bändigung der alle wichtigen Lebensbereiche durchdringenden Mafiaorganisationen.

Strategisches Niemandsland am Rand

Aber die Sowjetunion bestand nicht nur aus dem russischen Kern. Was nach ihrem Auseinanderfallen in Moskau recht herablassend als «nahes Ausland» bezeichnet wurde, ist heute eine vielgestaltige Gruppe von vierzehn teils emanzipierten, teils mit Russland oder untereinander verbundenen Randstaaten. Sie bilden einen vom Baltikum über die Ukraine bis nach Zentralasien reichenden Gürtel. Ethnisch und sprachlich verschieden, erweisen sie sich entweder, wie die drei baltischen Staaten, als reform- und damit europafähig oder verharren in diktatorisch oder clanartig geprägten Herrschaftssystemen. In diesem Schwebezustand zwischen kommunistisch-sowjetisch belasteter Vergangenheit und ungesicherter Zukunft, offen für äussere Einflussnahme und verletzlich infolge innerer Machtkämpfe, bilden diese ehemaligen Sowjetrepubliken zwischen Weissrussland und Tadschikistan ein Sicherheits- und Ordnungsproblem erster Güte.

Das Erscheinen von drei Bänden, in denen dieses strategische «Niemandsland» und seine Bedeutung untersucht werden, ist umso mehr zu begrüssen, als zu den Autoren nicht nur westliche, chinesische, japanische und sogar nordkoreanische gehören, sondern auch solche aus den ehemaligen Sowjetrepubliken selber. Die jeweils von drei renommierten Herausgebern betreuten Bände sind das Ergebnis eines vom New Yorker East-West Institute betreuten Forschungsprojektes. Sie folgen den neuen Grenzen Russlands von Europas Nordosten bis Asiens Nordwesten und analysieren, welche neuen Perspektiven und Aufgaben sich für Russland angesichts dieser neuen geopolitischen Lage ergeben.

Problempotenziale im Süden

So beginnt der erste Band durchaus logisch mit einer Gesamtsicht über Moskaus Aussen- und Sicherheitspolitik nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Ihm folgen im selben Band mehrere, teilweise eher konventionelle, teilweise aber weiterführende Beiträge über nicht herkömmliche sicherheitspolitische Gefährdungen und Russlands Suche nach einem neuen Verhältnis zu den ehemaligen Zwangsverbündeten in Ostmitteleuropa, zu Westeuropa und nicht zuletzt zur ehemaligen Gegenmacht Amerika.

Mit dem zweiten Band gelangt man in den Kaukasus und nach Zentralasien, also an den Rand Russlands und zu den ehemaligen Sowjetrepubliken; die Reise endet an Russlands fernöstlicher Flanke, wo es um das Verhältnis zu China, Japan und den beiden Korea geht. Dieses weiträumige Abschreiten der neuen «Fronten» lässt sehr schnell ähnliche, vor allem aber auch sehr unterschiedliche Herausforderungen sichtbar werden, denen sich Russland in dieser strategisch so grundlegend veränderten Umgebung gegenübersieht. Wo es in Osteuropa auf ein vielgestaltiges, sicherheitspolitisch aber überschaubares und unproblematisches Vorfeld stösst, häufen sich im Kaukasus und in Zentralasien komplexe und oft nur schwer kontrollierbare Herausforderungen. Das zeigt einmal der nach wie vor ungelöste Konflikt in Tschetschenien; das zeigen auch der aus Afghanistan hereinströmende Drogenhandel und die islamistisch inspirierte Infiltration von «Freiheitskämpfern».

Machtgefälle im Osten

Im Fernen Osten beunruhigt Russland vor allem, was Autoren im dritten Band mit «unzureichender wirtschaftlicher Sicherheit» umschreiben. Gemeint sind damit die weiten, schwer kontrollierbaren, aber ungemein ressourcenreichen Räume Sibiriens, dessen wirtschaftliche Misere eine eigentliche Einladung zur Ein- und Unterwanderung aus dem benachbarten China darstellt. Hier gewinnt Russlands wirtschaftlicher Niedergang strategische Bedeutung, weil er so scharf zu Chinas wirtschaftlichem Aufschwung kontrastiert. Nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen einem enormen Ressourcenpotenzial einerseits, Armut, unzureichender Infrastruktur und dünner Besiedlung anderseits krasser als eben in Russlands Fernem Osten. «Wir Russen», zitiert ein russischer Autor einen Landsmann, «können so leicht Land erobern, um es dann so nutzlos zu gebrauchen.»

Russlands andauernde Schwäche führt dazu, dass sich seine «Randzonen» oder ehemaligen «Kolonien» nach neuen Partnern umsehen: Ostmitteleuropa in Brüssel bei Nato und EU, die zentralasiatischen Staaten bei der Türkei oder China. Einige unter ihnen entschliessen sich zu einer noch recht brüchigen Zusammenarbeit untereinander. Wo diese Erben der Sowjetunion letztlich hingehören – zu Europa, zu Asien oder zu einem erweiterten Mittleren Osten –, ist vorderhand ungewiss. Ungewiss ist auch, wie sie sich in ihrem Inneren politisch und wirtschaftlich gestalten werden. Es zeigt sich jedenfalls, dass sie und selbst die in ihrer strategischen Zugehörigkeit ungesicherte Ukraine zu dem zu rechnen sind, was ein Beobachter als «letztes geopolitisches Spielfeld der Welt» bezeichnet hat. Die drei hier vorgeführten Bände des East-West Institute bieten bei der Erkundung dieses Feldes eine ebenso hilfreiche wie informative Führungshilfe.

Curt Gasteyger


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