Neue Zürcher Zeitung
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Gottes Gesicht und der Menschen Schwächen
Delia Falconer: «Die Liebe zu den Wolken»
Wenn im Herbst die Lawine der literarischen Neuerscheinungen niedergeht und man gelegentlich schon fürchtet, wie Rilkes Panther den Blick für die Welt(en) hinter den Lettern zu verlieren dann hofft man im stillen auf diesen Augenblick: den Anfangssatz, die Passage, die einen aus einem Buch von unbekannter Autorschaft anspringt und in Bann schlägt.
«Postboten beförderten Pakete, die mit Liebe und menschlichem Haar gefüllt waren. Frauen hatten Notizbücher bei sich und pressten Stürme darin wie Blumen.» Gewiss, nicht jedermann mag sich in solch seltsamen Fallen gefangensetzen lassen. Aber wenn zu lesen steht, dass ein Farn, von unsichtbaren Händen durch kalte Winterluft getragen, «wie ein gefrorener Federball» draussen am Fenster vorbeigleitet oder Frauen an einem Regentag ihre bunten Schirme als «ihr eigenes schönes Wetter» mit sich führen: dann mag auch eine nüchterne Wahrnehmung das Gleichmass an Imaginationskraft und Stimmigkeit feststellen, welches die 1966 geborene Australierin Delia Falconer in ihr Schreiben einbringt.
Wenig ereignet sich in ihrem Erstlingsroman schmerzlich wenig für Eureka Jones, die eigenwillige Protagonistin, die acht Jahre lang vergeblich darauf wartet, dass der Mann, der sie vor aller Augen umwirbt, sich erkläre. Dinge passieren ungreifbar, flüchtig, wie die Wolken, als deren Diener sich jener stetig-unbeständige Verehrer, der Photograph Harry Kitchings, vorstellt. «The Service of Clouds» heisst das Buch im Original und greift damit das vorangestellte Motto aus Ruskins Schriften auf, welches die moderne Landschaftskunst als «Dienst an den Wolken» verstanden haben will.
Diese Berufung führt Harry Kitchings 1907 in den aspirierenden Kurort Katoomba in den australischen Blue Mountains. Die Luft dort, heisst es, sei «zu dünn, um irgendwelche Gewissheiten zu tragen»; sie nährt dafür zählebige Hoffnungen und stillen Wahn; sie ist, und das vermittelt Delia Falconers verblüffende Prosa fast Seite für Seite, der Stoff, aus dem die Träume sind. Träume, die im fliegenden Wechsel in Zerrbilder und Nachtmahre umschlagen können so wie, am Ende des Romans, die Wunschvorstellungen der Charaktere ihr hohläugiges Spiegelbild in der spes phthisica finden, jenem fiebrigen letzten Aufbäumen der Lebenskräfte, das einen baldigen weiteren Abgang im oberhalb der Ortschaft gelegenen Lungensanatorium signalisiert. Im Verein mit den wechselnden Launen des Himmels und den verblüffenden Selbstinszenierungen der Natur verdichten sich diese mentalen Gespinste zu einer Atmosphäre im eigentlichen Sinn: einer zarten, schützenden Kugel, welche die surreal-poetische Welt dieses Romans zusammenhält.
«Wenn ich mein Blitzlicht auslöse, sagte Harry Kitchings, habe ich einen Augenblick lang das Gefühl, als bewohnte ich eine zweite Atmosphäre, so rund und silbern wie ein Löwenzahn, innerhalb der Finsternis der unseren.» Das Phänomen der Photographie ist eines der Leitmotive, in welchen die erzählerischen und motivischen Ebenen des Buches fusioniert werden. Die Geschichte der Protagonistin, deren Leben über Jahre ganz auf die Begegnungen mit Harry Kitchings fokussiert bleibt, konstituiert sich aus Erinnerungsbildern im eigentlichen Sinn: «So ist es nicht verwunderlich, dass meine Erinnerungen den Charakter von Schnappschüssen haben. Sie sind starr und lumineszierend; sie sind seltsam zerstückelt.» Doch fehlt ihnen das Oberflächlich-Zufällige, das mit dem Begriff «Schnappschuss» einhergeht; sie korrespondieren viel eher mit dem schwerfälligeren, altmodischen photographischen Instrumentarium, dessen Kitchings sich bedient. Das Bewusstsein der Ich-Erzählerin nimmt die Dinge mit langer Verschlusszeit bedachtsam in sich auf, registriert die Brechungen des Lichts, lässt im Erzählprozess das seltsame Wiedererstehen der Welt im Abbild fühlbar werden, wenn sich auf der gekörnten Bildfläche «jeder Berg in den Sand zurückzuverwandeln (scheint), aus dem er einst entstanden war» eine Durchdringung der Materie, in der Werden und Vergehen sich rätselhaft die Waage halten.
Katoomba präsentiert sich als Réduit für Träumer, deren Visionen der Moderne noch nicht ganz aus dem Dornröschenschlaf im Rankenwerk des Fin de siècle erwacht sind. Das Hotel im Bergkurort bietet nebst «hydropathischen Anlagen» auch architektonische Stil- und Materialkombinationen, neben denen die wildesten Phantasien der Postmoderne blass und engbrüstig erscheinen müssen. Der Stadtrat debattiert Pläne zur touristischen Erschliessung des Ortes in einem Raum, der zur falschen Freimaurerloge aufgeputzt wurde; und die Damen von der Frischluft-Liga verbinden ihre fortschrittsorientierte Wohltätigkeit am Proletariat der tiefergelegenen Städte mit spiritistischen Séancen.
Am unmittelbarsten aber bringt Harry Kitchings Wissenschaftlichkeit und Spiritualität zur Deckung. Während die Wolken für die anderen Einwohner Katoombas bestenfalls Vehikel ihrer Wunschträume sind bis zur frappanten Konkretisierung dieser Idee mittels einer auf die Wolkendecke im Tal projizierten Filmvorführung , glaubt der Photograph, mit seiner Kunst nicht nur die Schöpfung, sondern den Schöpfer selbst dingfest machen zu können. Wie eine Röntgenaufnahme das geheime Innenleben der festeren Materie entberge, doziert er, so müsste im photographisch gebannten Abbild des Himmels auch das Antlitz Gottes auszumachen sein. Die Reinheit dieser Obsession wird wie es dem Zeitgeist der anbrechenden Moderne entspricht wieder ins Säkulare zurückgebunden, indem Kitchings die Publikation seiner Aufnahmen zu einer eigentlichen kleinen Industrie ausbaut, freilich noch ohne dabei den Versuchungen des Kapitals zu verfallen: begeistert von den Früchten seines Fleisses, verschenkt er diese nach links und rechts.
Eureka, Kitchings' Freundin und Gefährtin, nährt ihre Hoffnung aus solchen und anderen Gaben: spröden, einer Dame nicht immer gemässen Fundstücken, die der Mann von seinen Streifzügen durch die Landschaft oder von Ausflügen in die Stadt mitbringt. Von Liebe fällt nie ein Wort, so dass Eureka am Ende Kitchings hat sich überstürzt in einer rosigen Wolke «echter» Weiblichkeit zur ehelichen Ruhe gelegt an der Realität seiner Gefühle zu zweifeln beginnt. Da schlägt die Stunde der spiritistisch-versponnenen Tante, deren Wohlwollen die früh verwaiste junge Frau bis dahin eher widerwillig ertragen hatte: sie rekonstruiert vor Eurekas Augen die wunderbaren Spuren von Kitchings' Zuneigung, die nicht einmal mit dessen photographischen Apparaten festzuhalten gewesen wären:
Wenn er gesprochen habe, hätten rebenartige Silberranken den Raum zwischen uns ausgekundschaftet und seien wie Mottenfüsse an den kleinen Spannungen in der Luft hängengeblieben. Wenn er gegangen sei, habe seine Liebe sich auf den Möbeln niedergelassen und dort für Stunden wie ein purpurner Nebel gehangen, so dass sie manchmal gezwungen gewesen sei, alle Sesselschoner im Haus abzunehmen und in der Sonne zu bleichen.
Eureka wird sich nachdem das neue Jahrhundert im Vernichtungsrausch des Ersten Weltkriegs zu sich gekommen ist, nachdem sich die Wolken von ihrer entzauberten Heimatstadt zurückgezogen haben, nach einer weiteren enttäuschten Liebe aufmachen in die aus dem Lot geratene Welt. Eine Welt, die sie nun selbst mit ihrem photographisch geschulten Blick festhalten möchte in Bildern, die so schmerzhaft sind, dass die Betrachter «den Drang verspüren, in die Welt, die diese Bilder darstellen, einzudringen und sie zurechtzurücken». Die Leser von Delia Falconers Roman wird diese Versuchung nicht ankommen; die Sprach-Bilder dieser jungen Autorin sind, bei aller gelegentlichen Schmerzhaftigkeit, vollkommen.
Angela Schader
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Die Zeit, 09.12.1999
Wenn Frauen für Frauen schreiben, und zwar bevorzugt Liebesgeschichten, dann ist das Verlagskalkül, meint Barbara Sichtermann in einer Sammelbesprechung von gleich fünf Liebesgeschichten, diese zumindest alle von Frauen verfaßt. Und das kühle Kalkül der Lektoren, die auf einen überwiegend von Leserinnen in Gang gehaltenen Markt schielen, merkt man zumindest drei der besprochenen Bücher auch an, konstatiert Sichtermann abgekühlt.1) Delia Falconer: "Die Liebe zu den Wolken"
Die unerwiderte Liebe einer Frau zu einem Fotografen ist Thema des Romans "Die Liebe zu den Wolken" der Australierin Delia Falconer. Nicht ein Satz verginge, beklagt sich Barabara Sichtermann, in dem nicht ein Wind- und Wettermotiv die Titelmetapher in Erinnerung bringe. Gerade dieses Metapherngeklingel beweise, daß ein gutes Buch nicht nur schöne Formulierungen, sondern auch erzählerisches Temperament braucht.
2) Judith Lennox: "Tildas Geheimnis"
Judith Lennox, die schon mehrere Romane veröffentlicht hat (auf deutsch ist "Das Winterhaus" erschienen), bringe in "Tildas Geheimnis" eine gewisse romantische Anlage (spielt auf dem Land) und epische Breite (umfaßt ein Jahrhundert) ein. Zugleich sei sie mit der vielschichtigen Rahmenhandlung bereits überfordert. Ihr Erzählstil ist "schmucklos", meint Barbara Sichtermann, und erzeuge keinerlei Atmosphäre oder Spannung, da sie ihren Gegenstand, die große Liebe und alle anderen damit einhergehenden großen Gefühle wie Verrat oder Hass, pausenlos banalisiere. Am Ende bewährt sich die Vernunftsliebe. Das Urteil: langweilig!
3) Nicci French: "Höhenangst"
Eine Liebesgeschichte mit Krimihintergrund - wohl kein Zufall, schreibt Frau Sichtermann, daß die schlechteren Romane etwas kriminelle Aufforstung nötig hätten. Auch in dem Buch der Engländerin Nicci French, die angeblich bereits bei den "Ladies of crime" mitmischt, tropft die Moral, rächt sich ein coup de foudre, werden die Leserinnen gefoppt von einer Geschichte, die vom vermeintlichen Blitzschlag der Liebe handelt, aber nur Strohfeuer entzündet.
4) Connie Palmen: "I.M. Ischa Meijer"
Auch die Holländerin Connie Palmen berichtet von einer amour fou, der Begegnung zwischen ihr, der Schriftstellerin, und dem Journalisten Ischa Meijer. Vielleicht weil es ihre eigene Geschichte ist, beschreibe Connie Palmen die Beziehung, die ebenso blitzartig begann wie sie nach vier Jahren durch Meijers plötzlichen Tod endete, intelligent und humorvoll: eine allzu seltene Mischung, meint die Rezensentin.
5) Suzanne Latour: "Eines Sommers im August"
Ein hoffnungsvolles Talent entdeckt Barbara Sichtermann bei der jungen Hamburger Autorin Suzanne Latour mit ihrer "hemmungslosen Fabulierlust", die ungekünstelt und bodenständig zugleich drauf los erzähle. Berichtet wird die Geschichte dreier Schwestern, von denen eine zu Tode kommt, und wie die jüngste von ihnen durch eine langsam heranreifende Liebesbeziehung damit fertig wird. Noch etwas mehr literarische Bodenhaftung erhofft - und verspricht - sich Sichtermann von Latour für die Zukunft.
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