Produktbeschreibungen
Kurzbeschreibung
In einer existentiellen Krise vegetiert Harun in den Felsenhöhlen von Petra. Eine geheime Bruderschaft nimmt sich seiner an und rettet ihn vor dem Suizid. Nach seiner Initiation wächst er in eine völlig neue Welt, bestehend aus Menschen verschiedener Kulturen und Religionen. In spannenden Szenen und Dialogen werden deren vermeintliche Unvereinbarkeiten überwunden. Mit größter Authentizität werden freimaurerische Ideen und Rituale dargestellt und in logischer Tiefe entwickelt. Harun wächst innerlich von einem vorurteilvollen, fundamentalistischen Eiferer heran zu einem toleranten und selbstbewussten Kosmopoliten.
Harun gehörte zum Stamm der Huwaitat aus den Bergen von Edom. Der Autor wurde in seine Familie aufgenommen. Die älteste Mutter seiner Sippe setzte ihn auf ihren Schoß, machte die Beine breit und ließ ihn auf den Boden gleiten. So wurde er von ihr aufs Neue geboren. Arabische und Islamische Traditionen vergleicht der Autor mit gnostischen, alchemistischen, rosenkreuzerischen Strömungen in Europa. Besonders der alten Bauhütten und den auf ihnen fußenden Freimaurern. In dieser sich ewig wandelnden Welt sind Steine das Sinnbild des Dauerhaften und Beständigen. Sie liegen auf unserem Weg, wenn wir sie beachten, sie liegen uns im Weg, wenn wir sie übersehen.
Dieses Buch ist jedem Suchenden zu empfehlen, da es Einblicke in die unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Sichtweisen bietet.
Auszug aus Steine auf dem Weg von Werner W. Güttler. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Kapitel Zwei . . . Als dann der kalte Winterregen einsetzte, beschloß er eines Abends, aufzugeben. Er ging fort von seinen Leuten wie immer, ohne mitzuteilen, welches Ziel er hatte. Und er nahm auch nicht Abschied, obwohl er sich entschlossen hatte, nicht mehr wiederzukommen. Er ging querfeldein bis in das Tal des Wadi Abu' Olleqa, vorbei am dunklen Steinblock des kleinen Schulhauses, bis er das Tal des Wadi Musa erreichte. Dort setzte er sich in den Schutz der Mauer des im Bau befindlichen Touristencafés und wartete, bis in der Steinbaracke von Nazzals Camp endlich die Lichter erloschen und keine Gefahr mehr bestand, jemandem von den dort wohnenden Archäologen zu begegnen. Dann lief er, so schnell er es vermochte, hinüber zur Ruine des Qasr al Bint Faraûn. Eine Weile stand er zögernd vor der mit starken Holzgerüsten vollgestellten Vorhalle des alten nabatäischen Stadttempels, den die Bedus für das Schloß der Tochter des Pharao hielten. Dann überwand er seine Scheuund trat ein in den mit großen Trümmerblöcken vollgestürzten Innenraum der dreiteiligen Cella. Ein letztes Mal wollte er versuchen, die verwünschte Prinzessin herbeizurufen. Sollte sie sich ihm wiederum verweigern, so -das hatte er sich fest vorgenommen- würde er seinen eigenen, endgültigen Weg gehen.
Er mußte sich mit beiden Händen vorwärts tasten und blind seine Schritte setzen, bis er endlich unterhalb des großen Gewölbebogens in der Hauptwand des Gebäudes stand. Er rief: "Bint Faraûn! Komm herauf in dein Schloß! Ich habe mich lange geprüft. Ich habe nicht gelogen, ich habe nicht gestohlen, nicht einmal, als ich Hunger hatte und die Brote der Jaddat im Zelte offen dalagen. Sage, ob das genügt, dich zu erlösen?" Er wartete eine Weile, aber nur das Heulen der Hunde schallte von den Höhlen im Felsklotz des Al-Habis herüber, wo gleich hinter dem Qasr al Bint einige Liathne-Familien wohnten. Noch einmal versuchte es Harun: "Bint Faraûn!" rief er lauter, "Bint Faraûn, komm herauf aus deiner leuchtenden Höhle! Ich kann nicht länger warten!" Aber er hatte nur die Hunde durch seinen lauten Ruf so weit aufgebracht, daß sie heranpreschten und blechern kläffend gleich hinter der Mauer aufgeregt hin- und herwetzten. Die Stimmen der Höhlenbewohner wurden laut, die ihre Hunde riefen und sich gerade anschickten, ihnen nach den Schutthang zum Qasr al Bint hinabzuklettern, um den Störenfried aufzuscheuchen. Harun zitterte vor Angst und Enttäuschung, zwängte sich in eine niedrige Höhlung unter zwei mächtigen, herabgestürzten Quadern und wartete stumm, bis sich Menschen und Hunde beruhigt hatten. Er war müde und enttäuscht und hatte mit den Tränen zu kämpfen. "Es gibt keine Bint Faraûn," sagte er leise und traurig zu sich selbst, "sie haben alle gelogen, oder sie hat es längst aufgegeben und liegt in den Armen des Bösen."